Insights · Ignite Talks #22

Was bleibt, wenn sich alles verändert

Sechs Erkenntnisse über Verbundenheit, Trauer und Transformation

Beim 22. Ignite Talk am 14. Oktober 2026 im CoCreation Loft in Berlin beschäftigten sich Diane Hielscher und Anne Meekers mit der Frage, wie Menschen auf tiefgreifende Veränderungen reagieren und neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln können.

Diane Hielscher sprach über Neuroplastizität, die Wirkung unserer Gedanken und den bewussten Umgang mit persönlichen Ressourcen. Anne Meekers erzählte vom Tod ihrer Tochter Coco und davon, wie Gestaltung, eigene Rituale und Gemeinschaft ihr halfen, neue Formen des Erinnerns und Zusammenlebens mit der Trauer zu finden.

Aus beiden Vorträgen lassen sich sechs zentrale Erkenntnisse mitnehmen.

1. Unsere Gedanken beeinflussen, wie wir die Welt erleben

Neuroplastizität beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, sich durch Erfahrungen und Lernen zu verändern. Diane Hielscher erklärte, wie Gedanken, Gefühle und Handlungen miteinander verbunden sind und sich gegenseitig verstärken können.

Wer beispielsweise davon überzeugt ist, etwas nicht zu können, wird entsprechende Situationen möglicherweise vermeiden. Dadurch fehlen Erfahrungen, die diese Überzeugung widerlegen könnten.

Wiederholung, bewusste Aufmerksamkeit und neue Erfahrungen können helfen, solche Muster zu verändern. Dabei geht es nicht darum, negative Gefühle zu unterdrücken, sondern die eigenen Reaktionen besser zu verstehen.

2. Konkrete Ziele schaffen Orientierung

Diane unterschied zwischen einer Orientierung „weg von“ und einer Orientierung „hin zu“.

Viele Menschen können klar benennen, was sie vermeiden möchten: Stress, Überforderung oder Unsicherheit. Schwieriger fällt häufig die Beschreibung eines gewünschten Zustands.

Diane verglich das mit einem Navigationssystem. Zu wissen, wo man nicht hinmöchte, reicht nicht aus, um einen Weg zu bestimmen.

Konkrete Vorstellungen davon, wie wir leben, arbeiten und uns fühlen möchten, können helfen, Entscheidungen bewusster zu treffen.

3. Persönliche Ressourcen lassen sich bewusst stärken

Was gibt uns Energie? Diese Frage stellte Diane auch den Teilnehmenden.

Natur, Bewegung, soziale Beziehungen oder gemeinsame Erlebnisse können wichtige persönliche Ressourcen sein. Welche Aktivitäten tatsächlich guttun, ist individuell unterschiedlich.

Diane empfahl, solche Erfahrungen bewusst zu sammeln und daraus einen persönlichen Werkzeugkoffer zu entwickeln. Gerade in belastenden Situationen kann es hilfreich sein, auf bereits bekannte Energiequellen zurückzugreifen.

Ein weiterer Ansatz war, Abstand zu einschränkenden Gedanken zu gewinnen. Statt „Ich kann mich nicht entspannen“ lässt sich beispielsweise formulieren: „Ich habe den Gedanken, dass ich mich nicht entspannen kann.“

Die Unterscheidung eröffnet die Möglichkeit, eigene Annahmen zu hinterfragen und andere Verhaltensweisen auszuprobieren.

4. Trauer folgt keinem festen Ablauf

Anne Meekers berichtete vom Tod ihrer Tochter Coco, die still geboren wurde.

Die Erfahrung veränderte nicht nur ihren Alltag, sondern auch ihre Vorstellung vom Verhältnis zwischen Leben und Tod. Trauer war für sie kein vorübergehender Zustand, nach dem das bisherige Leben unverändert weitergehen konnte.

Anne beschrieb außerdem, wie wenig Raum Trauer häufig im gesellschaftlichen Miteinander erhält. Schweigen, gut gemeinte Ratschläge oder die Erwartung, einen Verlust irgendwann hinter sich zu lassen, können den Umgang damit erschweren.

Ihr Vortrag zeigte eine andere Perspektive: Trauer muss nicht verschwinden, um wieder am Leben teilhaben zu können. Erinnerungen und Verlust können dauerhaft Teil des eigenen Lebens bleiben.

5. Gestaltung kann neue Ausdrucksformen schaffen

Anne und ihre Familie entwickelten eigene Rituale und Symbole, um mit Cocos Tod umzugehen.

Für die Beisetzung entstand ein künstlerisch gestalteter Kokon. Gemeinsam mit Freund*innen und Familie wurde eine persönliche Abschiedszeremonie gestaltet. Später fanden Erinnerungen an Coco auch in architektonischen Elementen und Gegenständen ihres Hauses einen Platz.

Gestaltung ermöglichte es, Gefühle und Erfahrungen auszudrücken, für die herkömmliche Rituale oder Worte nicht ausreichten.

Aus diesen Erfahrungen entstanden außerdem kreative Workshops für trauernde Menschen. Gemeinsames Schreiben, Blumeninstallationen und andere gestalterische Arbeiten schufen Möglichkeiten für Austausch und Erinnerung.

Dabei ging es nicht darum, Trauer durch Kreativität aufzulösen, sondern eigene Formen des Umgangs mit ihr zu finden.

6. Verbundenheit und widersprüchliche Gefühle gehören zum Leben

Anne beschrieb, wie schwer es ihr zunächst fiel, nach Cocos Tod wieder Freude zu empfinden. Glücklich zu sein konnte sich anfühlen, als würde sie ihre Tochter dadurch weniger vermissen.

Mit der Zeit veränderte sich diese Vorstellung. Freude und Trauer mussten keine Gegensätze mehr sein. Ebenso können Angst und Mut oder Verletzlichkeit und Stärke gleichzeitig bestehen.

Beide Vorträge betonten zudem die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen. Diane beschrieb Verbundenheit als wichtige persönliche Ressource. Anne zeigte, wie gemeinschaftliche Rituale und kreative Begegnungen helfen können, mit schwierigen Erfahrungen umzugehen.

Eine übergreifende Erkenntnis: Nicht alles, was Menschen widerfährt, lässt sich beeinflussen. Gestaltung, bewusste Entscheidungen und Gemeinschaft können jedoch neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen und helfen, Veränderungen in das eigene Leben zu integrieren.

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